80. Geburtstag OStD i. R. Meinhard Lentz am Donnerstag, 25.10.2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Weggefährten, liebe Freunde und Bekannte

von Herrn Oberstudiendirektor i. R. Meinhard Lentz,

der langjährige Schulleiter des Hindenburg-Gymnasiums Trier, OStD i. R. Meinhard Lentz, vollendet am Donnerstag, dem 25. Oktober 2012, sein 80. Lebensjahr. Neben diesem Hinweis habe ich Ihnen auch seine Begrüßungsrede anlässlich der Abiturfeier 1991 beigefügt. Sie zeigt sehr deutlich den Leiter einer Bildungseinrichtung, der jungen Menschen den schulischen Abnabelungsprozess mit positivem Ausblick – Es ist eine Lust zu leben! – erleichtert. Diese Rede hat in all den Jahren nichts an Aktualität verloren.

Seit 20 Jahren genießt er als Vater und Großvater sein Leben als Pensionär!

Ad multos annos!

 

 

Oberstudiendirektor i. R. Meinhard Lentz

Zwergfelderstraße 2

54296 Trier

 

geb. am 25. Oktober 1932

Da ich leider nicht jeden per Mail erreichen kann, bitte ich Sie, diese Nachricht wie bei einem Schneeballsystem per Email, Brief, Telefonat etc. weiterzuleiten. Vielen Dank!

Mit freundlichen Grüßen

Ulrich Holkenbrink

Beigeordneter a. D.

Realschulrektor i. Pr.

 

======================================================================

Oberstudiendirektor Meinhard Lentz anlässlich der HGT-Abiturfeier am 8. Juni 1991

Sehr geehrte Anwesende,

ich darf Sie herzlich zur Abiturfeier 1991 unseres Gymnasiums begrüßen, an erster Stelle heute unsere Abiturientinnen und Abiturienten und ihre Eltern, denen wir von Herzen zum „gemeinsam“ bestandenen Abitur gratulieren. Ich tue das trotz einiger von einigen verursach-ten bedauerlichen Randerscheinungen des Abiturstreichs. Gerade Abiturienten sollten ein Ge-fühl dafür haben, dass da der Spaß aufhört, wo die Achtung vor Person und Arbeit unseres Hausmeisterehepaars und der Putzfrauen verletzt wird.

Ein herzliches Willkommen sage ich auch unserem Schulelternsprecher, Herrn Bewernick, und den Mitgliedern des Elternbeirates sowie den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen und Schülern, die wir immer wieder gerne in unserem Kreise sehen.

Ich begrüße das Kollegium unserer Schule, das an dem hervorragenden Ergebnis dieses Abiturjahrgangs sicher nicht unbeteiligt ist, und unsere Schülerinnen und Schüler.

Jede Abiturfeier hat ihren festen Rahmen und ihre Besonderheit. Die diesjährige hat zwei: Eine, für die ich Sie um Nachsicht bitten muss: Meine Ansprache verletzt den von mir ein-geführten Brauch des Hauses, der dem Direktor maximal 15 und nicht 20 Minuten für seine Begrüßungsansprache einräumt. Die zweite ist erfreulicher: Meist richtet die Schule ihren Abiturienten diese Feier aus. In diesem Jahr ist sie mindestens gleichgewichtig von den Abiturienten selbst gestaltet. Nicht nur die Bilder an den Wänden sind das Werk ihrer Hände, auch der musikalische Rahmen wird – mit bescheidenen Ergänzungen durch das Stamm-personal – von Abiturienten gestaltet. – Ich hoffe, dass unsere Wortbeiträge dieses Rahmens würdig sind.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, es müsste seltsam zugehen, wenn Sie das Abitur nicht als einen Neuanfang, wie das Aufstoßen eines Tors ins Freie empfinden würden. Sie sind jung. Sie fühlen die Fähigkeit in sich, Ihr Leben selbst zu gestalten. Ich wünsche Ihnen die Lust dazu und auch den Mut.

Ihnen als Privatperson wird jeder das Recht zugestehen, sich zu freuen und zuversichtlich in die persönliche Zukunft zu schauen. Etwas anders sieht das aus, wenn es um Sie als sozu-sagen öffentliche Person, als verantwortliche Bürger der Bundesrepublik, Europas, der atlan-tischen Industriegesellschaften geht. Da ist Ihr Lebenshorizont plötzlich von einer Fülle von Problemen umstellt, die immer neue Katastrophenszenarien hervorbringen. Und eine mäch-tige Zeitströmung drängt Sie, Ihre Lebenszuversicht unter Verdacht zu stellen und sich dadurch als tieferblickende, problembewusste Zeitgenossen auszuweisen, dass Sie Ihr Lebensgefühl auf den Ton der Betroffenheit und Angst stimmen.

Ich möchte dagegen eine andere Meinung stellen. Ich sage bewusst: Eine Meinung, denn Meinungen ziehen auch in Erwägung, dass ihnen widersprochen werden kann. Unter dieser Prämisse stelle ich gegen Betroffenheitsapelle und Angstbekenntnisse die Forderung: Bekennen Sie sich zu Ihrem Lebensmut, zur Tugend der Tapferkeit, die im Sinne des Aristoteles ein Mittleres ist zwischen angstüberschwemmter Verzagtheit und besinnungsloser Tollkühnheit. Nicht panische Angstreaktionen, noch ein unbesonnenes „Weiter so Deutschland!“, sondern Besinnung tut Not. In diesem Sinne will ich von den weltweiten Problemen – wie etwa dem Gefälle an Lebenschancen zwischen der ersten und der dritten Welt oder dem daraus resultierenden, erschreckend wachsenden Bevölkerungsdruck der dritten auf unsere erste Welt – ein Problem hier näher betrachten: Die steigende Bedrohung der Grundlagen des menschlichen Lebens.

Wichtige Ressourcen unserer technisch-industriellen Produktionsweise erschöpfen sich in vorstellbarer Zukunft. Die Herstellung vieler uns unentbehrlicher Stoffe und die für unsere Produktions- und Lebensweise relevanten Energien belasten Luft, Wasser und Erde, also unsere Lebenselemente und Nahrungsquellen, oder enthalten ein sogenanntes Restrisiko, dessen letztliche Unkalkulierbarkeit eine tiefe Verunsicherung schafft. – Wir können eine Klimaveränderung nicht mehr ausschließen, die das Gesicht der Erde verändern und die Lebensbedingungen tiefgreifend verschlechtern würde. Wir können der Frage nicht mehr ausweichen, ob wir nicht schon die Lebenschancen der nach uns kommenden schmälern und im Begriff sind, einer unabsehbaren Generationskette noch Ungeborener eine schwere Hypothek von Entsorgungslasten aufzubürden.

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht vergessen, dass die technisch-industrielle, marktwirt-schaftlich gesteuerte Lebensweise die Überwindung von Lebensverhältnissen ermöglicht hat, die bis ins 19. Jahrhundert hinein die 5000 bis 6000 Jahre des historischen Menschheitsge-dächtnisses bestimmt haben und die wir, gemessen am Heute, nur als katastrophal bezeichnen können. – Ich will das an einem etwas groben Zahlenbeispiel verdeutlichen: Von den rund 80 Abiturienten hätten unter vorindustriellen Lebensverhältnissen zwischen 20 und 30 ihr jetzi-ges Lebensalter erst gar nicht erreicht, Opfer der Kindersterblichkeit. Die übrigen gut 50 bis 60 hätten zwar eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 50 Jahren gehabt. Aber die meisten würden so dicht über der Armutsgrenze, so ungesichert den Wechselfällen des Lebens ausgesetzt leben, dass ein Teil dem Schicksal des Massen- und Alterselends nicht hätte entgehen können. Nur etwa zehn von Ihnen hätten eine gute Chance gehabt, menschwür-dig ein hohes Alter zu erreichen, die einen, weil ererbter Reichtum, die anderen weil ein einkömmlicher Bildungsaufstieg à la Abitur ihnen einen besseren Schutz vor zermürbend harter Arbeit und den periodischen Hungerkrisen und Seuchenepidemien gewährt hätte. – Die westliche Zivilisation hat nicht nur die völlige Ungesichertheit des Daseins der großen Bevöl-kerungsmehrheit überwunden, gleichzeitig eine nahezu Verdreifachung der Bevölkerungszahl bewältigt und dazu die Lebenserwartung um Jahrzehnte gesteigert, sie hat auch ein nie gekanntes Maß an sozialer Sicherung, an sozialem Ausgleich, einen einmaligen Massenwohl-stand geschaffen. Ich halte es für keinen Zufall, dass erst mit der vollen Entfaltung dieser Entwicklung die alte Idee der Menschenrechte eine die ganze Gesellschaft durchdringende Kraft werden und die Demokratie im vollen Wortsinne in die Wirklichkeit treten konnte. – Es geht also nicht nur um Konsum und Wohlstand, sondern auch um die Bewahrung hoher Werte, eines menschenwürdigen Daseins für alle.

Angst kann in dieser Situation nur ein Warnsignal, kein Richtungsweiser sein; ihr Flucht-instinkt weist nur rückwärts in eine ökologische Idylle, die von einer extremen Ungleichheit der Lebenschancen gekennzeichnet war. Angst sieht nur die erdrückende Last der Probleme. – Ich schlage Ihnen vor, die Probleme unserer Zeit als Herausforderung an Sie zu sehen, als Herausforderung Ihrer geistigen, Ihrer moralischen Kräfte!

Sie können in Ihrem Leben noch etwas ausrichten, neu ausrichten. Sie brauchen nicht die aus-getretenen Wege Ihrer Vorgängergenerationen immer nur weiterzugehen, Sie dürfen es nicht einmal. Bisher konnten Sie darauf vertrauen, dass sich für die Ihnen gestellten Aufgaben die Lösungshefte in den Taschen Ihrer Lehrer finden ließen. Jetzt sind unsere Taschen leer! Viele der bisherigen Wege technisch-wirtschaftlicher Daseinssicherung kommen in dieser Zeit an ihr Ende. Ihnen stellt sich die Aufgabe, neue Wege zu bahnen und noch nicht gedachte Lö-sungen zu denken. Dazu müssen Sie viele Denkweisen der Generationen, denen wir Lehrer angehören, hinter sich lassen. Sie sind noch von einer Zeit geprägt, die von einer unbegrenz-ten Progression, zwar nicht der moralischen Kultur, aber der materiellen Zivilisation ausging und die Grenzen des Wachstums nur als theoretischen Bewusstseinsinhalt aufgenommen hat. Noch die 68er-Generation konnte weithin glauben, es ginge bloß um eine gerechtere, vom Leistungsdruck entlastete Verteilung eines unerschöpflich sprudelnden gesellschaftlichen Reichtums.

Sie werden Ihre intellektuellen Kräfte anspannen müssen, nicht nur um dabei mitzuwirken, die neue Technologie der Technologiefolgenbeherrschung weiterzutreiben, sondern auch, um in einer Massendemokratie als „Vernunftpartikel“, als eine „Partei der Vernunft“ die Um-steuerungsmechanismen einsichtig zu machen, die bei der Verflechtung von Wirtschaft, Sozialstruktur und Ökologie notwendigerweise komplex und damit schwer durchschaubar sein werden. – Sie müssen ein altes Ethos für sich neu zurückgewinnen, das im täuschenden Schein der Überflussgesellschaft obsolet geworden schien: Das Ethos des Komfortverzichts, der freiwilligen Selbstdisziplin, der einsichtsvollen Selbstbeschränkung. Unsere Gesellschaft hat Nächstenliebe und Solidarität weitgehend von der moralischen Gesinnung abgelöst und sozusagen automatisiert, nämlich durch ein Umverteilungssystem von über 40 % des Volks-einkommens via Steuern und Sozialversicherung. Sie werden Solidarität wieder als eine be-wusste Gesinnung in sich entwickeln müssen. Zuerst einmal noch im anschaulichen Nahbe-reich als ein neues Selbstwert- und Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen! Eines be-dingt hier das andere. Nur eine Gesellschaft mit starker Kohäsionskraft wird die Belastungen tragen können, die die gewachsene europäische und weltpolitische Verantwortung dem Groß-staat Deutschland auferlegt. Nur sie wird auch die inneren Spannungen aushalten können, die der ökologische Umsteuerungsprozess mit sich bringt. Dazu nur ein Aspekt: Bis jetzt haben wir die als Leistungsanreiz unentbehrliche Ungleichheit mittels des quantitativen Wirtschafts-wachstums dadurch relativiert, dass es für jede Einkommensstufe immer noch einen Zu-wachs zu verteilen gab. Das ökologisch sinnvolle qualitative Wachstum erhält und verbessert „nur“ die allgemeinen Lebensgüter Erde, Wasser, Luft, Natur und Kultur, schafft aber keine individuell aneigenbaren Güter wie Einkommen, Komfort, Prestige. In einer in diesem Sinne statischer werdenden Wirtschaft dürfte die Schärfe der Verteilungskämpfe nur dann nicht zu einer Zerreißprobe des Gemeinwesens werden, wenn ein intensives, werthaftes Zusammen-gehörigkeitsgefühl vorhanden ist.

Dass nationale Verbundenheit in das Bewusstsein europäischer Gemeinsamkeit eingebunden sein muss, ist heute eine Selbstverständlichkeit.

Aber der Reichtum Europas, nämlich die Vielfalt seiner Kulturtraditionen, Mentalitäten und wirtschaftlich-sozialen Strukturen führt auch zu einer unterschiedlich starken Ausprägung des Umweltbewusstseins. Diese Differenzen in einer existenziellen Frage zu ertragen und in Frie-den auszugleichen, fordert eine tiefe Achtung vor der Individualität und der Entscheidungs-freiheit unserer europäischen Nachbarvölker. Es muss zwar viele geben, die mit beharrlicher Ungeduld darauf drängen, die Fahrt auf den Eisberg abzubremsen und den Kurs zu korrigie-ren. Aber da wir dem einen Boot, in dem wir alle sitzen, nur gemeinsam eine neue Richtung geben können, darf Ungeduld nicht in gegenseitige Unduldsamkeit umschlagen.

Angesichts der Komplexität des Problems werden Sie schließlich Augenmaß und einen langen Atem brauchen. Sie werden das gelobte Land der ökologisch gesicherten Zukunft selber nicht mehr sehen. Die Umsteuerung unserer Zivilisation ist nicht das Werk einer Generation, sondern ein Jahrhundertwerk. Aber Sie können einen neuen Anfang machen!

Was letztlich die Angst zu einem so bedrängenden Zeitgefühl macht, ist die Wiederent-deckung der Endlichkeit unserer Welt. Seit der Aufklärung hat Europa diese Erfahrung durch den Glauben an die unendliche Perfektibilität unserer Lebensverhältnisse überspielt.

Nach zwei furchtbaren Weltkriegen hat unsere Zeit zudem die Endlichkeit unserer individu-ellen Lebensspanne dem Alltagserleben möglichst entrückt und hinter die Mauern von Klini-ken und Altenheimen verbannt. Dies gehört mit zum seelischen Komfort der Wohlstandsge-sellschaft. In Gestalt der ökologischen Bedrohung hat die Endlichkeitserfahrung uns nun wieder eingeholt. Doch Jahrhunderte haben mit dieser Erfahrung gelebt. Nicht wenige Werke der Literatur, Kunst und Musik, die eine Ahnung des Ewigen vermitteln oder die Bedingun-gen des Menschseins tief erfassen, sind in Epochen eines wachen Endlichkeitsbewusstseins entstanden. So macht diese Erfahrung Sie frei von den Täuschungen des Fortschrittsoptimis-mus und gibt Ihrem Leben wieder den Ernst des vollen Wagnisses. Sie stellt Ihnen aber auch eine große Aufgabe, mit deren Lösung Sie einen Anfang machen müssen, wenn die Überwin-dung der Preisgegebenheit des menschlichen Daseins keine flüchtige Episode der Mensch-heitsgeschichte bleiben soll.

Wenn Sie sich der realen Möglichkeit der Endlichkeit unserer von Menschen bewohnten Erde stellen und sie nicht als Anlass zu Endzeitängsten, sondern als Herausforderung annehmen, dann kann Ihr Leben mit dem Ernst auch an Intensität und Tiefe, an Farben und Spannweite gewinnen.

Das verlangt Lebensmut, der die Mitte hält zwischen Angst und der unverantwortlichen Kühnheit des „nach uns die Sintflut“. Lebensmut kann sich auch heute noch den Ausspruch eines Ritters und Humanisten vor 500 Jahren zu eigenmachen. Der damals noch alltäglichen Daseinsnot unmittelbar ausgesetzt, aber auch herausgefordert durch die Probleme seiner Umbruchszeit, sagte er:

Es ist eine  L u s t  zu leben!

 

This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar